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Blutige Ouvertüre | ZEIT ONLINE
Das Zentrum Galiziens galt seit den Zeiten Habsburgs als östlichste Stadt Mitteleuropas - ein Ort vieler Kulturen und Konfessionen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zerbrach diese glückliche Symbiose; Lemberg verwandelte sich in einen Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen der polnischen Mehrheit und den nach Unabhängigkeit strebenden Ukrainern. Die Leidtragenden waren die Juden: Sie wurden von beiden Seiten verdächtigt, national unzuverlässig zu sein. Ihre Lage verdüsterte sich, als Galizien durch den Hitler-Stalin-Pakt im Herbst 1939 sowjetisch wurde. Obwohl die Besatzer engagierte Zionisten, wohlhabende jüdische Bürger und die zahlreichen Flüchtlinge aus dem deutsch besetzten Polen verfolgten und deportierten, sind die Juden für viele ihrer christlichen Nachbarn Sympathisanten und Kollaborateure der Kommunisten. Als die deutschen Truppen sich zum Angriff auf Lemberg anschicken, leben dort etwa 160 000 Polen, 150 000 Juden und 50 000 Ukrainer.

Antreten zum Spießrutenlaufen

In den ersten Stunden des 30. Juni besetzen Einheiten der 1. Gebirgsdivision und des "Lehrregiments z. b. V. 800", dem ein Bataillon Ukrainer angegliedert ist, die Stadt, ohne auf Widerstand zu stoßen; um 4. 20 Uhr weht von Lembergs Zitadelle die Reichskriegsflagge. Am Morgen um 8. 30 Uhr nimmt Oberst Karl Wintergerst, Kommandeur des Artilleriekommandos 132, seine Tätigkeit als Stadtkommandant auf.

In den drei Gefängnissen Lembergs hat das Bataillon 800 derweil einen grausigen Fund gemacht: Alle Insassen sind ermordet. Die ursprüngliche Absicht des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, die 4000 Häftlinge zu evakuieren, war durch den raschen Vormarsch der deutschen Truppen, fehlende Transportmittel und einen Aufstand ukrainischer Nationalisten vereitelt worden. Die Leichen liegen in den Zellen übereinander gestapelt oder in Massengräbern notdürftig verscharrt. Todesursache: Genickschuss. Einige der Toten tragen Zeichen der Folter und sind, wie die herbeibestellten Gerichtsmediziner gleich feststellen, seltsamerweise verstümmelt.

Wenige Stunden später ist Lemberg zum Schauplatz wüster Ausschreitungen geworden. Das Kriegstagebuch des 49. Armeekorps notiert: "Unter der Bevölkerung herrscht über die Schandtaten der Bolschewisten rasende Erbitterung, die sich gegenüber den in der Stadt lebenden Juden, die mit den Bolschewisten zusammengearbeitet haben, Luft macht." Und ein Offizier der Stadtkommandantur schreibt über den ersten Tag der Besetzung an seine Frau: "Juden werden erschlagen - leichte Pogromstimmung [,] so unter den Ukrainern."

Doch ganz so "spontan", als Akt ukrainischen "Volkszorns", wie es diese Zeugnisse nahe legen, hatten sich die Ereignisse nicht entwickelt. Gegen Mittag, nach einer Inspektionsfahrt des Kommandeurs der 1. Gebirgsdivision General Hubert Lanz, waren in den Straßen Plakate und Flugblätter der deutschen Besatzer erschienen. Da stand zu lesen, wer für die Morde verantwortlich war: die "jüdischen Bolschewiken". Fast gleichlautende Plakate eines "Ukrainischen Nationalen Komitees" forderten den Tod der Juden und Kommunisten und ließen Adolf Hitler und Stephan Bandera hochleben.

Bandera war der Führer einer der beiden rivalisierenden Flügel der ukrainischen Nationalistenorganisation OUN; seine auf Aktion drängende, scharf antisemitische Gruppe OUN(B) erfreute sich der besonderen Protektion der deutschen Abwehr. Die Deutschen hatten das Ukrainer-Bataillon, das unter dem Decknamen "Nachtigall" in deutschen Uniformen und unter dem Befehl von Wehrmachtoffizieren in Lemberg einmarschiert war, im Winter 1940/41 aufgestellt. Bandera war es wichtig gewesen, dass zuverlässige und ortskundige Parteigänger das Hauptkontingent bildeten. Er hatte auch seine Leute in der Stadt auf den Tag der Besetzung vorbereitet: Augenzeugen berichten, dass in den menschenleeren Straßen "plötzlich, wie aus der Erde gezaubert" Leute mit Abzeichen und blau-gelben Bänder erschienen, "um für sogenannte Ordnung zu sorgen". Sie besetzten, mit Billigung der Deutschen, die Polizeiposten und übernahmen deren Funktionen.

Als erste Amtshandlung organisiert die neue Miliz jetzt die Hetzjagd auf die Lemberger Juden. Diese werden aus ihren Häusern geholt oder von der Straße aufgegriffen, zu Sammelstellen abgeführt und dann zu den drei Gefängnissen getrieben. Dort müssen sie auf Weisung des Stadtkommandanten die Leichen aus den Zellen und Massengräbern herausholen und zur Identifizierung im Hof der Gefängnisse niederlegen.

Schon während des Sammelns und Wegtreibens kommt es zu schlimmen Misshandlungen. Die Angriffe steigern sich zum Terror vor den Gefängnissen: Zivilisten und Bewaffnete stehen Spalier und prügeln mit Knüppeln und Gewehrkolben auf die Juden ein; Hunderte Menschen werden erschlagen.

Bei diesen Ausschreitungen haben sich deutsche Soldaten - von den bezeugten Übergriffen einzelner abgesehen - herausgehalten. Aber die Wehrmacht unterbindet die öffentliche Hetzjagd auch nicht: Ein Befehl verbietet jede Anwendung von Waffengewalt gegen ukrainische Zivilisten und Milizionäre. Der Einsatz der Deutschen beschränkt sich auf die äußere Sicherung der Gefängnisse und auf die Kontrolle der Abläufe im Inneren. Dort, im Inneren, spielen sich schreckliche Szenen ab. Während Familienmitglieder nach ihren Angehörigen suchen, zwingen die ukrainischen Soldaten des Bataillons "Nachtigall" unter dem Befehl deutscher Offiziere die herbeigeschafften Juden, auf Knien zu den Leichen zu kriechen und sie zu waschen. Jüdische Frauen und Mädchen werden mit Gejohle entkleidet und dann fotografiert; den alten Männern reißt man die Barthaare aus.

Höhepunkt der Quälereien ist ein immer wieder eingesetztes Ritual. Eines der Opfer hat es im Verfahren gegen den Politoffizier des Bataillons "Nachtigall", den ehemaligen Bundesminister Theodor Oberländer, 1960 vor der Staatsanwaltschaft Bonn so geschildert: "Nachdem wir mit dem Bergen der Leichen fertiggeworden waren, wurden wir im Dauerlauf im Innenhof herumgetrieben [...] Während des Laufens [...] hörte ich das deutsche Kommando: ,Spießrutenlaufen' oder ,Antreten zum Spießrutenlaufen'. Dieses Kommando muß meiner Erinnerung nach von einer Gruppe deutscher Wehrmachtsangehöriger gekommen sein, die etwas abseits der Leichengrube standen und während der ganzen Zeit zuschauten. [...] Es handelte sich um Offiziere [...] Auf diesen deutschen Befehl hin stellten sich die ukrainischen Soldaten in einem Spalier auf und pflanzten das Seitengewehr auf. Durch dieses Spalier mußten nun die auf dem Hof befindlichen Juden hindurchlaufen, wobei die ukrainischen Soldaten auf sie einschlugen und einstachen. [...] Diese ersten Juden, die durchlaufen mußten, wurden fast sämtlich durch Bajonettstiche getötet."

"Wer sich hinwarf, um nicht weitergehen zu müssen, wurde buchstäblich totgeschlagen, wie tollwütige Hunde. Hernach kamen Trupps mit Karren, die die erschlagenen Juden auflasen." Von einer jungen Volksdeutschen wird er zu einem der Gefängnisse geführt und steht schaudernd vor den Massengräbern. "Ich kehrte um, rannte hinaus, über den Hof, weg, blos weg von hier! Ich fand die Zaunlücke wieder, da knatterte eine Maschinenpistole. - Zusammengetriebene Juden werden auf dem Hofe erschossen."

Ein steinernes, eiskaltes Herz

Wer das Kommando vor und in den Gefängnissen führte - Offiziere der 1. Gebirgsdivision oder der ihr unterstellten Einheiten von Feldgendarmerie, Geheimer Feldpolizei, Polizei oder des Bataillons 800 -, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Auf Fotos erkennt man Angehörige aller genannten Einheiten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Abschlussmeldung des Bataillons 800. Ihr Kommandeur Friedrich Wilhelm Heinz, ein ehemaliger Freikorpsmann und bekannter völkischer Schriftsteller der Zwischenkriegszeit, schiebt die Schuld auf "die eingesetzten Polizeikräfte". Diese hätten durch das "Quälen und Erschießen wahllos zusammengetriebener Juden, darunter Frauen und Kinder", die Bevölkerung "aufgestachelt". Heinz, dessen Bericht am 1. Juli verfasst wird und um 14 Uhr beim 49. Korps eingeht, meint die oben aufgeführten Polizeitrupps der Wehrmacht, nicht die Einsatzgruppe C, auf die man bis heute gerne die Verantwortung abschiebt.

Öffentlich in Erscheinung trat die Einsatzgruppe erstmals am 2. Juli mit der Exekution von 100 Juden; am 4. Juli ermordeten ihre Kommandos, unterstützt von der ukrainischen Miliz, 3000 Juden am Stadtrand. An diesem Tag war die 1. Gebirgsdivision allerdings schon weiter nach Osten gezogen. Lemberg gehörte jetzt zum rückwärtigen Armeegebiet, und es gab einen neuen Stadtkommandanten.

Aber den Kreis der wahrscheinlich Schuldigen kann man doch eingrenzen. Dazu gehört das Bataillon 800. Diese Einheit war Teil eines Geheimkommandos, das dem Oberkommando der Wehrmacht direkt unterstand. Besser bekannt unter dem Namen "Die Brandenburger" wurde es für militärisch gewagte Einsätze im Rücken des Feindes, aber auch für politisch heikle Aufgaben eingesetzt. Im Falle Lemberg erschöpfte sich diese nicht in der Sicherung militärisch wichtiger Objekte. Dafür spricht schon die Tatsache, dass dem Kommando mit dem ukrainischen Bataillon "Nachtigall" ein fanatisch antisemitisches und aus Ortskundigen bestehendes Hilfskontingent zur Verfügung stand. Es sollen denn auch, Augenzeugen zufolge, Angehörige dieser Truppe gewesen sein, die, gleich nach dem Einmarsch und noch im Morgengrauen des 30. Juni, die Leichen der NKDW-Opfer in den Gefängnissen verstümmelt haben.

Auch aus anderen Orten Galiziens sind solche Aktionen von Bandera-Anhängern bezeugt. Zu diesen grauenvollen Manipulationen an den Toten passt die Tatsache, dass jüdische Opfer des NKWD aus den Lemberger Gefängnissen fortgeschafft wurden, bevor die Bevölkerung Zutritt erhielt.

Es spricht einiges dafür, dass "Die Brandenburger" den Judenmord ausgelöst haben. Man habe am 30. Juni "jüdische Plünderer rücksichtslos niedergeschossen", vermerkt der Schlussbericht des Bataillons. Wie als Bestätigung … [more]
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